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Die Flucht 1944

Aufzeichnung von Katharina Pretli, geb. Hotz,
Leamington (Ontario) Canada


Im sehr schönen Frühjahr des Jahres 1944 machte ich mein Abitur in Groß Karol und plante, im September die Universität Budapest zu besuchen. Während des Sommers arbeitete ich bei meinen Eltern auf dem Hof. Es war ein sehr guter Sommer, alle Pflanzen wuchsen hervorragend, aber unser Land war in großen Schwierigkeiten. Unser Ort war voll von ungarischen Soldaten, die in Richtung russische Front verlagert wurden. Auch mein Vater war für eine kurze Zeit in der ungarischen Armee, aber er wurde wegen seines Alters frühzeitig nach Hause entlassen. Auch deutsche Soldaten waren da und wurden hin und her verlegt. Unsere Scheune war immer voll mit Soldaten, Ungarn oder Deutsche, wir mussten für die höheren Offiziere sogar Zimmer in unserem Haus bereitstellen. Einmal hatten wir einen Major in unserer Stube und wir lebten dann im hinteren Raum. Im August und September wurde die Lage immer schlimmer. Die Soldaten waren ins Hinterland abgerückt und die deutschen Bewohner unseres Dorfes, wie die übrigen Deutschen in Russland und Rumänien, wurden zur Flucht mit Planwagen aufgefordert. Trotz dieser Wirren hatten wir im Herbst mit der Ernte begonnen. Und es war eine gute Ernte, viel Mais, Sonnenblumen, Bohnen, Kartoffeln, Äpfel, Pflaumen und Birnen, die Trauben begannen gerade erst zu reifen.

Um die Flucht aus unserem Heimatort zu organisieren, wurden im Oktober zwei deutsche Soldaten abgestellt. Es wurde in Hadad erzählt, dass, wenn die Russen nach Kriegsdorf kämen, sie alle deutschen Einwohner, die arbeitsfähig waren, zusammentreiben und nach Sibirien verschleppen würden. Sie würden nur alte Menschen, sowie Frauen mit kleinen Kindern, verschonen. Es war eine schwere Entscheidung für unsere Eltern, die Flucht zu planen. Es wurden mehrere Versammlungen durch die deutschen Bewohner abgehalten, um zusammen herauszufinden, was wohl das Beste für uns alle wäre. Niemand wollte seine Heimat verlassen, und alles, wofür sie so schwer gearbeitet hatten, zurücklassen. Aber da war auch die Angst vor dem, was passieren könnte und würde, wenn die Russen nach Kriegsdorf kämen. Man hörte überall sehr schlimme Dinge, welche sie der deutschen Bevölkerung angetan hätten. Es konnte kein einstimmiger Beschluss, Kriegsdorf zu verlassen, gefunden werden. Einige fingen aber doch damit an, ihre Wägen für die Flucht herzurichten.

 

 

Meine Mutter wollte nicht wegziehen und alles hinter sich lassen und in eine ungewisse Zukunft ziehen. Mein Vater hatte Angst wegen meines Bruders, Georg, er war 18 Jahre, und mir, ich war 16. Mein Papa, er war 45, und mein Bruder wären ein leichtes Opfer gewesen, um nach Sibirien verschleppt zu werden und dann war auch noch meine jüngere Schwester Maria, 8 Jahre, da. Also begann auch er, einen Wagen für die Flucht herzurichten. Schließlich stimmte meine Mutter der Flucht zu und sie begannen, sich für die Reise bereit zu machen, für den langen unbekannten Weg.
Mein Vater hat einige junge Schweine geschlachtet und meine Mutter einige Enten und Hühner, sie wurden gebraten und alles Fleisch kam in den großen Ofen, der auf unserer Veranda stand, wo auch unser Brot einmal pro Woche gebacken wurde. Die Mutter legte das Fleisch in einen großen 40-lt.-Topf und über das ganze wurden Schweine und Entenfett gebracht. Das Fleisch blieb dadurch lange frisch. Mutter backte einen Ofen voller Brot. Sie schickte mich in den Weinberg, um einen Korb mit Weintrauben zu holen. Wir hatten viele verschiedenste Weintraubensorten. Ich suchte die besten aus. Der Vater begann mit dem Beladen des Wagens mit Nahrungsmitteln und einige unserer Habseligkeiten. Er wusste, wie zu packen war, denn er musste er dies schon öfters tun, er war schon im ersten und zweiten Weltkrieg Soldat. So packte er die Koffer und Rucksäcke.

Mein Bruder Franz, der schon verheiratet war, er hatte mit seiner Frau Katharina eine einjährige Tochter, auch Katherina, diente gerade als ungarischer Soldat und kämpfte an der russischen Front. Meine Schwägerin entschloss sich, zu Hause in Kriegsdorf zu bleiben, die Russen würden sie mit dem kleinen Mädchen schon in Ruhe lassen. Und sie dachte, dass sie mein Bruder sicher zu Hause suchen würde, wenn der Krieg vorbei sein sollte. Meine Schwägerin wohnte mit ihrer Mutter zusammen, als wir flohen, zog sie in unser Elternhaus ein, damit keine Fremden in das Haus einziehen würden.

Einige Leute waren schon mit ihren Wägen losgezogen. Am 12. Oktober 1944, genau am Geburtstag meiner Mutter, versammelten wir uns mit den Wagen auf dem Marktplatz. Am späten Abend sah ich noch mal zurück und sah den Abendstern hell leuchten. Ich hatte das Gefühl, dass ich Kriegsdorf und unser Haus nie wieder sehen würde. Wir fuhren die ganze Nacht, Vater und mein Bruder Georg wechselten sich ab um die Pferde zu führen. Am nächsten Morgen kamen wir in Groß Karol an, wo ich zur Schule gegangen war. Die erste Gruppe der Wägen warteten dort auf uns. Das deutsche Militär stellte uns zwei Soldaten ab, um uns zu begleiten und um für uns Übernachtungsmöglichkeiten zu finden. Wir übernachteten an vielen Orten, zum Beispiel in Scheunen, Schulsälen, Ställen. Die schlimmste aller Übernachtungen war für mich inmitten eines Kuhstalles, die Kühe auf beiden Seiten und dazwischen waren wir der Nähe der „Hinterlassenschaften ihres lockeren Stuhlganges“. Immerhin war es aber im Stall wärmer als auf den Wägen. Einige Leute waren nett zu uns, sie gestatteten uns den Aufenthalt in ihrem Haus. Einer der schönsten Orte, wo wir übernachteten, war in Budapest, in einem eigenen sauberen Zimmer und es gab ein warmes Bad in der Frühe, und, das Beste, ein schönes warmes Frühstück. Wir gingen eine große Strecke neben dem Wagen, so dass es leichter für die Pferde war den Wagen zu ziehen. Die deutschen Soldaten organisierten für uns einige Konserven, Wurst, Milch und Brot, und für die Pferde Heu und Hafer. Die Reise war sehr beschwerlich für die alten Menschen, Kleinkinder und die Schwangeren. Eine Frau mussten wir zurücklassen, sie gebar ein Kind in einem örtlichen Krankenhaus.

Später wurde sie aber mit ihrer Familie wieder vereint. Für uns Jugendlichen war alles nicht so schlimm. Es war wie ein Abenteuer, wir hatten immer Spaß. Einer der Soldaten war sehr nett zu mir, er versuchte mir beizubringen, wie man mit einem Gewehr schießt.
Unser größtes Glück war es aber, dass wir nicht von den Flugzeugen bombardiert wurden. Einige der anderen Wagentrecks aus anderen Ortschaften wurden bombardiert, ihre Wagen brannten ab und die Pferde wurden getötet. Viele Flugzeuge flogen über uns hinweg, aber sie bombardierten meist die großen Städte. Wir waren fast einen Monat auf der Straße und näherten uns Österreich. Das Wetter war kühler geworden, an der Grenze zog das Militär die beiden Soldaten von uns ab, sie wurden an die Front verlegt. Einer der Soldaten, Julius Schröder, gab mir seine Feldpost-Nummer, so dass ich ihm mitteilen konnte, wo wir am Ende gelandet sind.

Zwei oder drei Tage später bekamen wir eine Nachricht von höherer Stelle, dass alle, die noch weiterstudieren wollten, mit dem Zug nach Deutschland abreisen müssten, um nicht ein Studiumsjahr zu verlieren. Also packte ich meine Sachen und verließ meine Eltern, Bruder und Schwester.

Wir reisten mit dem Zug nach Deutschland. Der Zug war voller jungen Leute, Mädchen und Jungen. Wir landeten schließlich im Sudetenland, in Neustadt an der Täfelfichte (heute Tschechien). Als wir dort ankamen, brachte man uns in ein Gasthaus. Wir waren sehr hungrig, hatten wir doch den ganzen Tag nichts gegessen. Jeder erhielt nur eine halbe Scheibe Brot, sehr dünn geschnitten, und eine halbe Schüssel klare Brühe, danach waren wir aber immer noch hungrig. Zu unserem Glück gab es in der Nähe einen Gemüsestand, wo wir Karotten kaufen konnten. Die waren so lecker und endlich hatten wir unseren Mägen gefüllt. Wir wurden in drei verschiedene Gruppen aufgeteilt, etwa fünfzig Mädchen, und wir wurden in ein großes Gebäude eingewiesen, wo wir alle in einem großen Hörsaal schliefen. Es gab nur zwei Klassen, denn wir hatten nur zwei Lehrer und nicht genügend Schulmaterial. Sie sagten, es gäbe die Möglichkeit, die Klasse zu wiederholen. Die Gegend war sehr schön, vor allem die Tannenwälder. Ganz besonders schön waren sie im Winter, mit dem weißen Schnee auf den Ästen und den Rehen, die in Gruppen zum Futterplatz kamen.

Weihnachten kam näher und unsere Lehrer wollten, dass unsere Köchin uns ein paar schöne Plätzchen backen sollten, aber es waren nicht genügend Vorräte dafür da. Wir könnten aber Lebensmittel von der deutschen Militärstelle erhalten, jedoch müsste jemand dazu in die nächste Stadt gehen, um sie abzuholen. Also brauchte man einige Freiwillige. Ich war eines der sechs Mädchen die sich freiwillig meldeten und drei Schlitten ziehend zogen wir morgens los. Wir kamen mittags in der Stadt an und bekamen unsere Ration, Mehl, Zucker, Rosinen, Nüsse, Butter und Schokolade. Auf dem Rückweg wurde aber das Wetter schlechter und die Straßen wurden eisig, es wurde windig und sehr kalt. Jeweils zwei Mädchen zogen einen Schlitten. Es ging viel bergauf, und wir rutschten öfters zurück. Es begann zu dunkeln, und es waren keine Gebäude ringsherum zu sehen. Die Schlitten war schwer zu ziehen, und wir waren sehr müde, aber wir mussten immer weiter ziehen. Sollten wir anhalten, könnten wir erfrieren.
Zuhause waren alle sehr besorgt und warteten verängstigt auf uns. Etwa um sechs Uhr wurden wir erwartet, doch angekommen sind wir äußerst erschöpft erst um Mitternacht. Alle Mädchen und Lehrkräfte waren überglücklich, uns wiederzusehen. Am nächsten Tag blieben wir sechs, um uns zu erholen, den ganzen Tag im Bett. Nun hatten wir aber unsere Weihnachtsplätzchen und das gute Gebäck.

Für mich war das einzige, was mir fehlte, um ein richtiges Weihnachtsfest zu feiern, der Rest meiner Familie. Also begann ich sie durch den Suchdienst des Roten Kreuzes zu suchen. Ich schrieb an jedes Reichsgebiet, an die Hauptstädte und verschiedene Städte in Deutschland und Österreich. Die meisten von ihnen antworteten mir zurück, dass ihnen nichts bekannt ist von einem Franz Hotz, oder dem Flüchtlingstreck aus Hadad. Die einzige Adresse, die ich hatte, war die Feldpostnummer meines Bruders Franz und jene von Julius Schröder, ich schrieb an beide. Obwohl ich ihnen fast jeden Tag schrieb, erhielt ich keine Antwort von meinem Bruder. Julius antwortete mir immer und er sandte mir immer schöne Postkarten. Die letzte kam aus Budapest. Er schrieb mir, dass er nach Berlin versetzt wird. Das war das letzte Mal, was ich von ihm hörte.

Im Januar 1945 erhielt ich endlich vom Roten Kreuz einen Brief aus Linz, Österreich. Der Flüchtlingstreck aus Hadad war in Eggerding, Bezirk Schärding in Oberösterreich angekommen. Ich schrieb sofort an meinen Vater Franz Hotz in Eggerding und erkundigte mich ob er beim Hadader Flüchtlingstreck ist. Ich wusste ja nicht, ob meine Eltern angekommen waren, denn als sie in St. Pölten, Niederösterreich ankamen, war es Mitte November und schon kalt. Sie trennten die älteren Leute und Kinder aus dem Flüchtlingstreck und beförderten sie mit dem Zug nach Deutschland, während die jüngeren Menschen mit den Pferden und Wagen zurück blieben. Deshalb waren meine Eltern nicht in Eggerding, nur mein Bruder Georg war dort. Unsere Lehrer Ludwig Winkler, welcher der Sprecher der Hadader Gruppe war, hatte meinen Brief erhalten, er übergab ihn meinem Bruder Georg. Mein Bruder antwortete mir sofort, er war überglücklich, etwas von mir zu hören.

Durch die Militärdienststelle haben wir erfahren, dass Briefe von unseren Eltern aus Thüringen/Deutschland angekommen waren. Unser Lehrer Ludwig Winkler plante, nach Thüringen zu reisen, um alle Hadader nach Österreich zu ihren Familien zurückzuführen.

Mein Vater arbeitete in Altstadt/ Thüringen in einer Mühle. Meine Mutter weinte oft, sie war sehr traurig, dass sie alles zurücklassen musste, und nun sogar noch von ihren Kindern getrennt war. Von zehn Kindern, die sie geboren hatte, war nur noch meine Schwester Maria bei ihr. Drei meiner Schwestern und drei junge Buben waren schon als Kleinkinder gestorben, und außerdem hatte sie schon so lange nichts von meinem Bruder Franz gehört. Sie wussten auch nicht, wo ich war und auch nichts über meinen Bruder Georg.

Inzwischen reiste unser Lehrer Ludwig Winkler mit dem Zug nach Thüringen, um die dortigen Hadader wieder mit ihren Familien in Eggerding/Österreich zusammen zu bringen. Meine Eltern waren überglücklich, etwas von mir und meinem Bruder Georg zu hören. So kamen die Familien aus dem Treck wieder in Eggerding zusammen.

Meine Eltern und mein Bruder Georg sowie meine Schwester Maria fanden Platz auf dem „Schön“- Bauernhof. Sie verkauften ihre Pferde und Wagen und Vater und Georg arbeiteten auf dem Hof. Meine Schwester Maria ging in die örtliche Schule und ich war im Sudetenland. Ich schrieb viele Briefe an meine Eltern.

Die großen Städte waren zu dieser Zeit schwer bombardiert worden, vor allem die großen Industriestädte und ich lebte nicht weit weg von Dresden. Wir konnten das Feuer und Rauch in der Ferne sehen, und um uns nicht zu gefährden, wurden alle jungen Leute umgesiedelt in eine schöne Stadt namens Hammer am See. Es gab viele schöne Villen und viele Seen. Wir wurden in eine Villa namens "Amelia" einquartiert, eine dreigeschossige Villa mit einer schönen Wendeltreppe. Ich teilte ein Zimmer im 3. Stock mit meiner Freundin Gerda. Es wurden etwa 50 Mädchen im Haus untergebracht.

Das Leben in der Villa "Amelia" war aufregend und wir hatten viel Spaß. Täglich, außer Samstag und Sonntag, gingen wir zur Schule, aber wir nahmen das Lernen nicht allzu ernst, als uns mitgeteilt wurde, dass wir die Klasse wiederholen müssten. Es gab weder genug Lehrkräfte, noch Schulmaterial, um uns ordentlich zu unterrichten. Wenn wir ausgehen wollten, mussten wir eine Erlaubnis von unserem Lehrer, welcher auch unser Aufseher war, holen. Nach fünf Monaten erhielt ich eine Postkarte von meinem Bruder Franz von der russischen Front. Er schrieb, dass er alle meine Briefe erhalten hätte, aber nicht in der Lage war, mir zu antworten, weil die Truppen stets in Bewegung waren. Er war dankbar und glücklich über all die Briefe, die ich ihm geschickt hatte und ich war glücklich, endlich von ihm zu hören und dass er noch am Leben war. Ich sandte ein Telegramm an meine Eltern in Österreich, damit sie wussten, dass ich von Franz gehört hatte und dass er an der russischen Front noch am Leben war. Meine Eltern waren froh, endlich zu wissen, wo all ihre Kinder waren.

 

In Hammer am See war es sehr schön und wir waren jung und voller Energie, lediglich abwechselnd mussten wir in der Küche beim Abwaschen helfen. Und wenn es Reste gab, durften wir sie mit auf unser Zimmer nehmen. Wir mussten abwechselnd baden, denn die Badewannen und Duschen befanden sich alle im ersten Stock.

Die russische Front kam näher und näher. Meine Eltern waren besorgt, dass ich zu nahe an der russischen Front war, deshalb beschloss mein Vater, aus Österreich zu kommen, um mich abzuholen. Ich sollte mit ihm zur Familie nach Eggerding.

Eines Morgens war ich gerade dabei, eine Dusche zu nehmen. Ich war nur in einem Slip und mit einem Handtuch über der Schulter bekleidet. Ich rannte gerade die schöne Wendeltreppe hinunter, als eines der Mädchen rief: "Hotz, melden Sie sich bei der Aufsicht". Ich wollte nicht extra zurückgehen und mich anzuziehen, ich erwartete eine Frau bei der Aufsicht anzutreffen und die hatte bestimmt schon öfters junge Damen in Unterkleidern und Nachthemden gesehen. Also klopfte ich an die Tür und, nachdem ich „herein“ gehört hatte, schaute ich zuerst in den Raum, um zu sehen, ob sie allein war. Ich erkannte meinen Vater sitzend im Zimmer. Sofort betrat ich das Zimmer, legte meinen Arm um ihn, dabei fiel das Handtuch von meiner Schulter. Ich war sehr überrascht, als meinem Vater die Tränen über das Gesicht liefen, aber mein Vater weinte vor Glück, mich wiederzusehen. Vater sagte der Verwalterin, dass er mich nach Österreich mitnehmen will. Der Verwalterin sagte, dass dies nicht erlaubt sei, jemand einfach so gehen zu lassen, aber wenn sie von nichts wüsste, dann wäre das schon in Ordnung. Ich nahm Vater auf mein Zimmer und badete dann. Vater meinte, es tut ihm leid, dass er mit leeren Händen käme. Mutter hatte Kekse gebacken für mich, aber er hätte Ärger gehabt. Auf der Reise hätte er sich im Prager Bahnhof mit einem ungarischen Soldaten angefreundet. Als mein Vater sich eine Zugfahrkarte besorgen wollte, bot der Soldat an, auf den Koffer aufzupassen, und als er dann zurückkam, war der ungarische Soldat mitsamt dem Koffer verschwunden. Mein Vater hatte nun nur noch ein wenig Geld in der Tasche und einen Gutschein für einen Laib Brot. Ich sagte meinem Vater dass ich genug zum essen hätte und er sich deshalb keine Sorge zu machen bräuchte, denn gestern Abend hatte ich in der Küche geholfen und ich hatte noch einen ganzen Teller mit gekochten Kartoffeln. Tränen des Vaters kamen wieder heraus, und er sagte, er sei so froh über diese Kartoffeln, in Österreich würden sie damit die Schweine füttern.

Vater zog für einen Tag und eine Nacht in ein Hotel. Meine Freundin Gerda und ich besuchten ihn im Hotel. Er kaufte uns etwas Limonade. Am nächsten Morgen packte ich meine Habseligkeiten zusammen, als schließlich Vater kam, um mich abzuholen. Ich verabschiedete mich von meinen Mitbewohnerrinnen und meiner besten Freundin Gerda. Ich gab ihr meine Adresse in Österreich und wir versprachen einander, dass wir uns nach dem Krieg treffen sollten, wo immer ich auch landen würde. Leider hörte ich auch nie wieder etwas von ihr. Ich verließ im März 1945 die Villa „Amelia“ und im April zogen die Russen schon ein. Ich erhielt später dann eine Postkarte von einem der Mädchen, sie war im Süden Österreichs abgeschickt worden. Ich antwortete ihr sofort, aber mein Brief kam zurück. Ich konnte nie herausfinden, was mit all den Mädchen geschehen ist.

Für
Vater und mich begann unsere Reise zu unserer Familie. Wir wollten nicht dieselbe Route zurücknehmen, denn die russische Front war bereits zu nahe, also reisten wir weiter westlich durch Deutschland. Wir mussten an jedem Bahnhof anhalten, um uns neue Fahrkarten bis zum nächsten Bahnhof zu besorgen, denn es war Zivilisten untersagt, längere Strecken zu reisen, die Züge wurden gebraucht für die Truppenbewegungen. Wir übernachteten auf den Bahnhöfen und lebten von Brot und Limonade. Wir waren fast eine Woche unterwegs und endlich kamen wir Österreich näher. Kurz vor Passau (Grenzstadt) zog ich los, um Fahrkarten bis zum nächsten Bahnhof zu besorgen. Als ich ausstieg, kam der Bahnhofsaufseher, fragte nach meinem Ausweis und wollte außerdem wissen, wie ich vom Sudetenland hierher nach Süd-Deutschland gelangt wäre. Ich sagte ihm, dass ich Flüchtling bin, und dass ich vor den Russen fliehen würde. Er wollte dann wissen, wo ich hin wollte. Ich sagte ihm, dass ich zu meinen Eltern in Österreich will. Aber warum ich denn zwei Fahrkarten bräuchte und wer die andere Person sei? Ich wollte nicht, dass mein Vater Ärger bekommt, denn er hatte keine Reisepapiere bei sich. Ich sagte nur, dass ich mit meiner Freundin reisen würde und ich gab ihm den Namen meiner Freundin an. Der Bahnhofsaufseher hatte Mitleid mit uns, stellte mir dann zwei Fahrkarte und eine Reisegenehmigung für die gesamte Strecke bis zur Endstation, Andorf, Österreich, aus. Ich war froh, dass wir nicht länger an jedem Bahnhof neue Fahrkarten besorgen und auch nicht mehr auf den Bahnhöfen übernachten mussten. Freudestrahlend ging ich auf Vater zu. Er sagte leise zu mir: "Lächle nicht, denn hier sind zu viele Soldaten ".“Aber Vater“, sagte ich, "ich habe zwei Fahrkarten ohne Unterbrechung bis zur Endstation Andorf"! Darüber war er auch froh und wir bestiegen den Zug zum letzten Mal. Der Zug war voller deutschen Soldaten. Es gab nur noch Stehplätze. Wieder war Vater verängstigt, denn ich war das einzige weibliche Wesen im Zug. Er sagte mir: „Immer nach unten schauen und niemanden anlächeln“. Mein Vater war schließlich auch in beiden Weltkriegen gewesen, und er wusste, wie die Soldaten fühlten, wenn sie eine junge Frau erspähten. Als wir endlich in Andorf ankamen, war der Krieg beinahe aus. Zu Fuß gingen wir eine Stunde nach Eggerding. Im „Schon“-Bauernhof wurden wir schon sehnsüchtig von Mutter, Bruder Georg und Schwester Maria erwartet. Sie hatten schon für zwei Wochen nichts von uns gehört. Sie wussten nicht, wo wir waren und was mit uns geschehen war. Meine Mutter, Bruder und Schwester waren überglücklich, uns zu sehen. Es gab Umarmungen, Küsse und Tränen und endlich waren wir wieder vereint.

Viele Flugzeuge flogen über uns hinweg und wir hörten wie die Bomben fielen.

 

Meine Eltern hatten eine Ein-Zimmer-Wohnung im Hof bei dem Schön-Bauer. Am nächsten Tag begann ich auf dem Hof mitzuarbeiten. Als erstes in der Früh, lernte ich, wie man eine Kuh melkt, es war nicht einfach. Die Milch wollte nicht fließen. Nach ein paar Tagen bekam ich den richtigen Griff und es klappte. Am nächsten Tag lernte ich, wie man den Mistwagen belädt. Mein Bruder Georg fuhr den beladenen Wagen mit den Pferden auf das Feld. Vater und ich beluden bereits den nächsten Wagen, bis Georg wieder von dem Feld kam.
Meine Hände waren voller Blasen und ich hatte Mühe die Mistgabel zu halten. Ich tat meinem Bruder Leid. als er vom Feld zurückkam, nahm mein Bruder die Gabel von mir weg und half Vater den Wagen neu zu beladen, so dass ich ausruhen konnte. Nach ein paar Tagen härteten meine Hände ab. In unserer Freizeit am Abend, liebten es meine Schwester Maria (9) und ich (17), zu singen. Ich kannte alle Lieder auswendig. Ich sang gerne, auch während der Arbeit, so verging die Zeit schneller. Meine Schwester hat eine schöne Stimme und liebte auch den Gesang und wir beide harmonierten zusammen.

Im April 1945 war der Krieg fast schon vorbei. Die Russen kamen aus dem Osten und die Amerikaner aus dem Westen. Wir hofften und beteten, dass die Amerikaner uns vor den Russen erreichen würden. Wir waren genau in der Mitte. Alle Jugendlichen bis 18 Jahre wurden zum Volkssturm einberufen. Viele sind schon nach wenigen Stunden getürmt, denn sie hatten viel Angst. Mein Bruder Georg, er war 19, und mein Vetter, Andreas Schartner, 18, fürchteten sich ebenfalls, es war einfach schrecklich. Da und dort schlugen die Granaten überall ein und alles ist in hellen Flammen gestanden. Man hörte den großen Lärm und sah Feuer in der Ferne, aber am nächsten Morgen hörten wir im Radio, dass der Krieg vorüber war.

Wir hatten Glück, dass die Amerikaner uns vor den Russen erreicht hatten. Wir mochten die Amerikaner lieber und wussten, dass es uns viel besser mit den Amerikanern als mit den Russen ergehen würde. Die amerikanischen Soldaten gaben den Kindern Schokolade und Kekse außerdem erhielten wir als Flüchtlinge aus Amerika gebrauchte Kleidung und Schuhe. Wir hörten von Bekannten, dass die russischen Soldaten Schmuck, Uhren, Kameras und teure Dinge, deren sie habhaft werden konnten, stahlen. Die Amerikaner lagen auf einer Seite der Donau bis Linz und die Russen auf der anderen Seite.

Der Sommer kam, der Weizen und Heu war reif zur Ernte. Die Ernte musste von Hand gemacht werden, denn es gab noch keine Mähdrescher. Wir müssten lernen, wie man Heu und Weizen bündelt. Es war harte Arbeit, besonders für ein 17-jähriges Mädchen. Abends war ich so erschöpft, dass ich sogar im Schlaf die ganze Nacht Stroh gebündelt habe. Meine Mutter weckte mich einmal, und fragte mich, weshalb ich so unruhig schlafen würde, ich hatte das Betttuch ganz verknotet. Der Bauer gewährte uns Unterkunft und Verpflegung, aber einen sehr geringen Lohn. Das Essen war gut, denn die Bauern hatten ja ihre eigene Versorgung mit Lebensmitteln, Gemüse, Fleisch, Milch, Butter. Der Weizen wurde zur Mühle gebracht und sie besaßen ihre eigene Mostpresse, um Apfelmost zu machen. Sie tranken Most das ganze Jahr hindurch. Insgesamt blieben und arbeiteten wir drei Jahre lang auf dem Bauernhof.

Am 15. November 1947 heiratete ich Michael Pretli in Linz an der Donau und durch die Heirat musste ich von Eggerding nach Linz ziehen. Mein Mann arbeitete für die amerikanische Armee als Küchengehilfe. In Linz gab es viele Flüchtlinge, sodass sich die Regierung gezwungen sah, diese in mehrere Flüchtlingslager einzuweisen. Das waren längliche Baracken mit großen Räumen. In einem Zimmer hausten 3-4 Familien. Die Familien trennten ihre Zimmerecken mit Pappe und Papier ab, um ein wenig Privatsphäre zu haben. Ein Holzofen stand in der Mitte des Raumes und alle Familien mussten auf diesem Herd kochen, immer abwechselnd. Lebensmittel gab es nur mit Bezugsscheinen, die meiste Zeit mussten wir in langen Schlangen warten, um etwas Essbares zu ergattern. Meine Eltern und meine Geschwister wurden im Frühjahr 1948 auch nach Linz verlegt. Mein Bruder und mein Vater fanden eine Beschäftigung bei einer Baufirma. Der Lohn war besser als auf dem Bauernhof. Das Unternehmen hatte bessere Wohnungen. Meine Eltern hatten ein schönes großes Zimmer für sich.

Am 4. August 1948 gebar ich meinen ersten Sohn, Richard, im Krankenhaus in Linz.

Mein Bruder Georg heiratete Maria Kreiter am 3. Oktober 1948.

Im Frühjahr 1949 kam uns zu Gehör, dass die Regierung Frankreichs Flüchtlinge aufnehmen würde, sie suchten Hilfskräfte in der Landwirtschaft. Wir dachten, da es in Österreich bereits zu viele Flüchtlinge gab, und nur wenig Arbeitsmöglichkeiten, wir sollten es in Frankreich versuchen. Die Familien Pretli, Hotz, Kreiter und Leili beschlossen diesen Schritt zu tun und wir reisten mit dem Zug nach Frankreich. Es dauerte 3-4 Tage, um dorthin zu gelangen. Unser zukünftiger Patron (Arbeitgeber) holte uns mit einem großen Lastwagen vom Bahnhof ab. Die Familie Leili kam auf einen anderen Bauernhof. Alle anderen Familien wurden zu einem großen staatlichen Bauernhof gebracht. Dort wurden Hektar über Hektar Zuckerrüben, Kartoffeln und Weizen angebaut. Unsere erste Aufgabe war das sortieren und reinigen der Kartoffeln. Das erste Wort auf Französisch, das wir gelernt haben, war "Pommes de terre" - Erdäpfeln. Es wurde nur französisch gesprochen und es war schon schwer, dass man sich mit den Leuten nicht in der Muttersprache unterhalten konnte. Unser Patron war zufrieden mit unserer Arbeit, und wir lernten schnell die Sprache, denn wir hatten keine andere Wahl, niemand sprach unsere Sprache. Im Frühjahr mussten wir die Zuckerrüben hacken, harte Arbeit, denn die Hacken hatten nur einen sehr kurzen Stiel, den ganzen Tag gebückt. Dies war schmerzhaft, aber es gab guten Lohn. Im Sommer fuhr uns unser Patron in einem Lastwagen in eine größere Stadt, Rheimes, wo wir uns nagelneue Fahrräder kauften. Nun konnten wir mit unseren Rädern in die nächste Stadt, Malmason, oder die große Stadt Laun fahren. Im Herbst mussten wir die Zuckerrüben ausgraben, wieder mit einer Gabel mit kurzem Stiel. Danach hackten wir die Blätter mit einer Axt ab, alles im Akkord, das war harte Arbeit. Das Ende des Tages konnten wir kaum mehr aufrecht stehen. Bald bekam mein Mann Arbeit im Stall, er musste sich um die Pferde, Kühe und Kälber kümmern. Außerdem musste ich an jedem Morgen und Abend zwölf Kühe melken, eine Französin musste die anderen zwölf melken. Die Franzosen waren sehr nett zu uns, sie halfen uns mit der Sprache, soviel sie konnten. Nach einem Jahr konnten wir eigenständig einkaufen gehen. Am 18. Februar 1950 bekam die Frau meines Bruders Georg, Maria, ihr erstes Kind, ein Mädchen “Monika“. Wir lebten auf einem großen Staatsgut "Robert Shon" in der Stadt Malmason, in der Provinz Aisne, Laun war die nächstgrößere Stadt. Meine Mutter musste wegen eines größeren Eingriffes nach Laun ins Krankenhaus, sie litt unter sehr großen Schmerzen. Ich ging mit ihr in die Notaufnahme nach Laun. Der Arzt erklärte mir, was sie operieren wollten, aber ich konnte ihn nicht verstehen, denn er sprach französisch. Ich war froh, dass sie ihr helfen konnten.

Als meine Mutter achtundzwanzig Jahre später starb, dachten wir, sie wäre an einem Blinddarmdurchbruch gestorben, aber bei der Leichenöffnung wurde festgestellt, dass sie gar keinen Blinddarm mehr besaß, er wurde ihr damals in Frankreich entfernt. Nun endlich wusste ich, was mir der Arzt damals sagen wollte. Sie starb an einem Darmdurchbruch.

Im Sommer 1950 erhielt mein Vater einen Brief von Joe Szakacs aus Kanada. Szakacs war ein Jugendfreund vom Vater und ehemaliger Nachbar in Kriegsdorf und er selbst ist in den 20er Jahren nach Kanada gekommen. Er holte seine Familie in den 30er Jahren nach. Über einen Freund fand er heraus, dass Vater mit seiner Familie in Frankreich lebt. Er schrieb meinem Vater und fragte ihn, ob er nach Kanada ziehen wollte. Vater antwortete ihm, dass er gerne nach Kanada kommen würde, aber nur, wenn seine ganze Familie nach Kanada kommen könnte. Herr Scakacs fand für alle vier Familien Bürgen. Wir gingen mit meinen Eltern nach Paris, um unseren Pass und Einwanderungspapiere zu beantragen. Der Arzt der Einwanderungsbehörde lehnte aber die Einwanderung meines Vaters wegen seiner Krampfadern ab, er befürchtete, dass er die Familie nicht ernähren könnte. Vater musste sich erst einer Venenoperation unterziehen und danach einen neuen Antrag stellen. Mein Bruder George meinte, dass wir, mein Mann, unser kleiner Richard und ich, unsere Auswanderung weiter anstreben sollen. Unsere Papiere waren im Januar 1951 dann soweit. Bei der Abreise verabschiedeten wir uns von unseren Familien und Freunden. Mit dem Zug fuhren wir nach Cannes, Südfrankreich.
Wir stiegen auf ein schönes großes italienisches Schiff mit dem Namen "Atlantic". Im Mittelmeer ging es nach Spanien, durch die Meerenge von Gibraltar, und in Lissabon/ Portugal sind weitere Passagiere zugestiegen.

Die ersten Tage war alles herrlich, gutes Essen, Wein stand auf dem Tisch, aber als ich eines Morgens zum Frühstück ging, sah ich die Spuren des Essens überall auf den Gängen liegen. Ich wurde auch so seekrank, dass ich das Essen nicht mehr riechen konnte. Wir waren acht Tage auf dem Atlantik. Am 4. Februar 1951 landeten wir in Halifax. Ich war froh, endlich wieder Land zu betreten, außerdem hatte ich ein ungutes Gefühl, alle meinen Lieben zurückgelassen zu haben. Ich dachte, dass uns keiner in Kanada erwarten würde. Die Fahrt von Halifax nach Windsor dauerte mit dem Zug zwei Tage. Als wir in Windsor ankamen, waren wir angenehm überrascht, denn fünf Familien erwarteten uns. Die Szakacs glaubten, dass wir uns bestimmt nicht wiedererkennen würden, sie hatten Bekannte aus Österreich, welche vor uns nach Kanada gekommen waren, über uns schon befragt. Wir zogen auf den Hof der Familie Szakacs in ein kleines Häuschen mit einer schönen Küche, Wohnzimmer und 2 Schlafzimmern. Die Szakacs waren sehr gut zu uns. Wir bekamen sofort Arbeit für 50 Cent Stundenlohn bei zehn Arbeitsstunden am Tag.

Herr Szakacs brachte uns mit seinem Kleinlastwagen nach Windsor zur Heilsarmee. Dort konnten wir Möbel kaufen und einige Geräte. Wir arbeiteten diesen Sommer für Herr Szakacs. Viele Bekannte kamen zu Besuch. Sie brachten Konservendosen für uns und etwas Schokolade für Richard der drei Jahre alt war. Im Mai 1951, erhielten meine Schwiegereltern Michael Pretli Sr. und Susanne Pretli mit ihren Söhnen Georg, (18) und Andreas (16) die Einwanderungsgenehmigung nach Kanada. Sie kamen auf einem älteren Schiff. Die Männer mussten in getrennten Räumen von den Frauen schlafen, die Männer schliefen alle in einem großen Saal und die Frauen schliefen in einem anderen. Meine Schwiegermutter litt sehr unter Asthma. Mein Schwiegervater verbrachte deshalb tagsüber soviel Zeit wie möglich mit ihr. Eines Tages, als mein Schwiegervater sie wieder besuchen wollte, befand sie sich nicht auf ihrem Zimmer. Mein Schwiegervater dachte, sie wäre vielleicht auf der Toilette und wartete auf sie, aber als sie kam nicht in ihr Zimmer zurück. Mein Schwiegervater fragte die Frauen im Raum nach ihr, jedoch niemand hat sie gesehen. Darauf ging er zum Kapitän. Dieser ließ das Schiff sofort anhalten, wenden, und um einige Stunden zurück fahren, um nach ihr zu suchen. Sie konnte nicht gefunden werden. Der Schiff-Arzt kam zu dem Schluss, dass sie sich unwohl gefühlt haben muss, keine Luft bekam, und deshalb nach draußen ging um etwas frische Luft zu schnappen und dabei über Bord gefallen ist. Mein Schwiegervater und seine beiden Söhne waren am Boden zerstört.

Wir wussten in Kanada, dass meine Schwiegereltern und Schwäger auf der Überreise waren. Wir warteten auf ein Telegramm von ihnen, um zu erfahren, wann wir sie auf dem Bahnhof in Windsor abholen sollten. An einem Sonntagnachmittag, als ich mit meinem Sohn Richard gerade allein zu Hause war, klopfte jemand an der Tür. Ich schaute aus dem Fenster und es war mein Schwager Andreas. Ich lief zu ihm, um ihn mit einer herzlichen Umarmung zu empfangen, doch er fing an zu weinen. Ich fragte: "Was ist denn los, ist deine Mutter krank?“ " Nein ", antwortete er: „Wir haben keine Mutter mehr.“ Darauf stieg mein Schwiegervater und Schwager Georg aus dem Taxi. Wir gingen ins Haus. Unter Tränen wurde mir berichtet, was passiert war. Als mein Mann nach Hause kam, war er überglücklich alle zu sehen. Jedoch die Mutter war nicht da. Fragend, "Wo ist Mutter?" ging er in Richtung Schlafzimmer, in der Annahme, dass sie sich wegen Müdigkeit hingelegt hätte. Als er hörte, was seiner Mutter passiert ist, war er überwältigt vor Schmerz. Es war schwer zu glauben, dass jemand einfach so verschwinden konnte. Dies war ein trauriger Anfang für sie eines neuen Lebens in Kanada.
Im Dezember 1951 erhielten meine Eltern, Schwester Maria und Bruder Georg mit ihren Familien die Einreisegenehmigung nach Kanada. Sie verließen Frankreich kurz vor Weihnachten und kamen am 31. Dezember in Windsor an und wir konnten zusammen Silvester feiern. Herr und Frau Kreiter sowie ihre beiden Mädchen, Martha und Sieglinde, kamen im Sommer 1951 nach Kanada. Mein Schwiegervater und meine beiden Schwager, Georg und Andreas zogen auf einen anderen Bauernhof. Meine Eltern mit meiner Schwester Maria blieben weiter bei uns auf dem Szakacs-Hof. Mein Bruder George arbeitete jedoch für einen anderen Bauern.
Im Jahre 1952 arbeitete mein Mann und ich in „Teilpacht“ (die Ernte wird zwischen dem Gutsbesitzer und dem in Teilpacht Arbeiteten aufgeteilt.) 1953 zogen wir auf einen Hof von Herrn Gall in Harrow. Wir arbeiteten dort in Teilpacht für weitere zwei Jahre. Am 12. Juni 1953 kam mein zweiter Sohn Erwin Michael zur Welt. Im November 1954 kauften wir unseren ersten Hof, dieser lag an der 7.Querstrasse in Ruthven. Der Hof war sehr heruntergekommen, das Haus war in einem erbärmlichen Zustand, der Grund war fünfzig Acker groß. Im Jahr 1960 kauften wir unseren zweiten Hof, 24 Acker mit einem besseren Scheunengebäude und einem kleinen Häuschen mit Innentoilette und Bad. Dieses Grundstück lag direkt neben unserem ersten Hof. Im Jahr (1961) kam mein Bruder Franz mit seiner 6-köpfigen Familie nach Kanada. Meine Eltern waren sehr froh, endlich war die ganze Familie wieder in Kanada vereint. 1962 gebar ich unseren dritten Sohn Kenneth Frank.

 

Wir bauten allerlei Gemüse an: Tomaten, Mais und Sojabohnen sowie Zigarrentabak. Im Jahr 1970 trennten sich mein Mann und ich. Er verkaufte das 50- Acker Land und zog zurück nach Österreich. Ich blieb mit meinen drei Söhnen auf dem 24 Acker großen Hof. Im März 1973 starb mein Schwiegervater Michael Pretli im Altersheim Sun-Parlor in Leamington im Alter von 78 Jahren. Am 16.März 1974 heiratete mein Sohn Richard Andrea Smith. Am 17. August 1974 heiratete mein Sohn Erwin Becky Ruscher. Sie trennten sich jedoch acht Jahre später. Am 15.November 1980 ist mein Mann bei einer Explosion in seiner Arbeitsstelle in Österreich ums Leben gekommen. Am 10. Januar 1979 verstarb meine Mutter Anna Hotz an einem Darmdurchbruch im Krankenhaus von Leamington. Im Dezember 1981 heiratete mein Sohn Ken Michelle Strong, beide trennten sich jedoch sieben Jahre danach. Mein Bruder Georg starb am 16. August 1985 an Magenkrebs, 59 jährig. Am 3. Oktober 1996 heiratete mein Sohn Ken, Christine Brady. Und am 27. Dezember 1997, heiratete mein Sohn Erwin, Judy LeBlanc.

Ich arbeitete zwanzig Jahre lang als Aushilfe im Gesundheitswesen im mennonitischen Altersheim in Leamington. Im Februar 1993 ging ich in Rente. Mein Vater Franz Hotz Sr. starb im mennonitischen Alterheim am 8. Dezember 1991 im Alter von zweiundneunzig. Am 1. April 1999 beschenkten mich meine Schwiegertochter Judy und mein Sohn Erwin mit einem ersten Enkel namens Michael Martin. Dies machte mich überglücklich. Nach über zwanzig Jahren des Wartens endlich ein Enkelkind. 1999 verkaufte ich das Haus an der 7. Querstrasse in Ruthven und zog nach Leamington.

Am 28. November 2002, gebar die Frau von meinem Sohn Ken, Christine einen Sohn namens Jackson Tyler. Mein zweiter Enkelsohn. Was gibt es Schöneres als zwei hübsche, gesunde Enkelkinder zu haben.

Ich bin Gott überaus dankbar dass er mir drei Söhne schenkte, drei gute Schwiegertöchter und zwei gesunde Enkelkinder.

 

Lieber Gott, ich danke dir für alles in meinem Leben.

Katherina Pretli (geborene Hotz)

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 31. Oktober 2010 um 19:40 Uhr